Der 1. Mai hat eine lange Tradition in der anarchistischen und globalen sozialen Bewegung. Was ursprünglich eine in den USA stattfindende Mobilisierung für den 8-Stunden-Arbeitstag war, die brutal niedergeschlagen wurde, entwickelte sich zu einer weltweiten Bewegung, die heute überall auf der Welt von Gewerkschaften, politischen Organisationen und Bürger*innen gleichermaßen als Symbol des Klassenkampfes gefeiert wird. Auch wenn die herrschende Klasse versucht hat, ihm seinen Ursprung als Tag des Kampfes und der Klassensolidarität zu nehmen, dürfen wir seine wahren Wurzeln niemals vergessen.
Globale Stagnation und Kampf
Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten Jahren verlangsamt: Die Industrieländer verzeichnen nur noch ein sehr geringes Wachstum, China hat gegenüber seinem früheren rasanten Tempo an Schwung verloren, und der Rest der Welt kann diese Lücke nicht ausgleichen. Gleichzeitig hat sich die Verteilung von Einkommen und insbesondere von Vermögen derart verschlechtert, dass der Lebensstandard breiter Schichten der Arbeiter:innen klasse sinkt.
Der Klassenkampf spitzt sich ständig zu, während die organisierte Arbeiter:innenbewegung weltweit einen absoluten Tiefpunkt erreicht hat. Gleichzeitig hat die extreme Rechte an Einfluss gewonnen und greift gemeinsam mit der Bourgeoisie die bestehenden Sozialsysteme und Institutionen an, die die Arbeiter:innen in jahrzehntelangen Kämpfen errungen haben.
Neben dieser sozialen Zerstörung erleben alle Bereiche der Gesellschaft eine zunehmende Militarisierung, die jeden Aspekt des politischen Lebens durchdringt. Eine zentrale Auseinandersetzung dreht sich derzeit um die Frage von Krieg und Militarisierung, die sowohl ein Mittel zur Anhäufung von Reichtum für die Bourgeoisie und zur Rettung des zusammenbrechenden kapitalistischen Wirtschaftssystems sind, als auch dazu dienen, die Wut der Jugend aus der Arbeiter:innenklasse gegeneinander zu lenken.
In vielen Ländern sind die Zentralgewerkschaften noch nicht in der Lage, eine Einheitsfront gegen die Angriffe von oben zu bilden, doch lässt sich an der Gewerkschaftsbasis und darüber hinaus ein wachsender Widerstand beobachten. Während weltweit meist spontane und gewalttätige Proteste ausbrechen, lässt sich innerhalb der populären Bewegungen eine Tendenz beobachten, durch die Organisierung in Nachbarschaften und Gewerkschaften Militanz zu entwickeln.
Imperialer Niedergang, imperialistischer Krieg
Die wirtschaftliche Macht der Vereinigten Staaten ist seit vielen Jahrzehnten im Niedergang begriffen, doch im vergangenen Jahr kam es zu einem Bruch. Anstatt an ihrer eigenen Ordnung festzuhalten, haben die Vereinigten Staaten das Gesetz des Dschungels wieder eingeführt und führen Kriege zur territorialen Expansion, zur politischen Rache und zur regelrechten Plünderung, ohne jede andere Rechtfertigung als ihre eigene Macht, dies zu tun.
Die Folge davon ist eine Welt, die in blutigen Konflikten versinkt. Trump hat Venezuela zu einem imperialen Vasallenstaat gemacht, dessen Ölindustrie unter US-Kontrolle steht, und in Zusammenarbeit mit Israel einen mörderischen Krieg gegen den Iran entfesselt. Unterdessen annektiert Israel, berauscht von der Straffreiheit für seinen Völkermord im Gazastreifen, de facto den Süden Syriens, verschärft seine ethnische Säuberung im Westjordanland und marschiert nun im Libanon ein, mit dem Ziel, dessen südlichen Teil zu besetzen.
Die Phase, die wir derzeit durchleben, ist ein Beweis für eine historische Wahrheit: Der Kapitalismus ist kein harmonisches, rationalisierbares oder planbares System, da das gesamte kapitalistische System nicht in der Lage ist, seine inneren Konflikte zu beseitigen, die zuweilen – sogar in gewalttätiger Form – ausbrechen, wobei Krieg eine unvermeidliche Folge ist.
Kriege müssen im Lichte ihrer konkreten sozialen und klassenbezogenen Dynamiken interpretiert werden: Es sind die Bourgeoisien, die einander „angreifen“, nicht die breiten Massen der Lohnabhängigen, da diese in keinem Land über das Kapital und die Macht verfügen, die den ausschließlichen Vorteil eben jener Bourgeoisien ausmachen, die darum kämpfen, sie weiterhin auszubeuten.
Es sind die „besitzlosen“ Massen – jene, die nichts außer ihrer Arbeitskraft besitzen –, die ausgebeutet, angegriffen und in die blutigen Kriege des Kapitals hineingezogen werden: in der Ukraine ebenso wie im Sudan, in Palästina, im Iran und im gesamten Nahen Osten sowie in den mehr als fünfzig Konflikten, die Tod und immense Zerstörung bringen und Zehntausende Menschen dazu zwingen, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus ihren Ländern zu fliehen. Es ist notwendig sich unbedingt bewusst zumachen, dass die Weltdiplomatie gerade von jenen Bourgeoisien geprägt wird, die sich im Rahmen des allgegenwärtigen imperialistischen Konflikts gegenseitig bekämpfen.
Was tun?
Angesichts der sich verschärfenden Krise des globalen Kapitalismus und des Zusammenbruchs der internationalen Ordnung ist eine Lösung durch die Arbeiter:innenklasse unabdingbar. Wir haben die Möglichkeit, den Kapitalist:innen die Macht zu entreißen, wenn wir uns nur organisieren, indem wir ihnen die Kontrolle über die Arbeitsplätze entreißen. Das ist die einzigartige Position, die nur die Arbeiter:innenklasse einnimmt. Sie ist unser Druckmittel gegenüber der herrschenden Klasse. Das ist unsere beste Waffe, und wir müssen ihre Stärke ausbauen.
Wir müssen die Kämpfe zur Verteidigung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse ausweiten und das anarchistisch-kommunistische Projekt als das Ziel, das wir anstreben, neu beleben. Wir müssen die internationalistische Einheit der Arbeiter*innen weltweit gegen Militarismus und imperialistische Kriege stärken – gegen den Hunger, das Elend, die Verwüstung und den Tod, die diese mit sich bringen.
Feiern wir den 1. Mai dieses Jahr auf den Straßen gemeinsam mit unseren Genoss*innen, um unsere Stärke und internationale Solidarität zu demonstrieren.
Es ist wichtiger denn je, uns zu vereinen, diesen Tag zu feiern und vor allem für unsere Rechte zu kämpfen.
Der 1. Mai darf kein erstarrter Feiertag sein, an dem wir nur in Erinnerungen an die Vergangenheit schwelgen. Er muss ein Sammelpunkt im Kampf gegen Kapitalismus, Imperialismus und alle Formen der Unterdrückung in der Welt sein.
Es gibt viel zu tun, denn wir haben eine Welt zu gewinnen.