99 Femizide in 2025!
Der 8. März ist kein Feiertag. Er ist ein Tag, an dem wir kollektiv sichtbar machen, was sonst normalisiert, relativiert oder individualisiert wird. Weltweit erfährt jede dritte Frau und jedes dritte Mädchen in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt. Queere, trans, agender und nichtbinäre Menschen sind besonders häufig betroffen. In Deutschland wurde 2025 fast jeden dritten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet.
Gewalt gegen Frauen und TINA-Personen ist materiell verankert. Sie entsteht dort, wo Abhängigkeiten produziert werden – sei es durch Wohnraum als Ware, schlecht bezahlte Lohnarbeit oder unbezahlte, unsichtbare Care-Arbeit. Viele Frauen und TINA-Personen bleiben in gewaltvollen Beziehungen, weil sie sich eine Trennung finanziell nicht leisten können. Das kapitalistische System benötigt die heteronormative Kleinfamilie als Ort kostenloser Reproduktionsarbeit und zur Stabilisierung von Privateigentum. Es braucht sexualisierte Körper, emotionale Verfügbarkeit als Ressource und Konkurrenz statt Solidarität. Der kapitalistische Staat schafft die materiellen und ideologischen Bedingungen, unter denen patriarchale Gewalt – bis hin zum Femizid – möglich wird.
Im Neoliberalismus schmücken sich Konzerne mit feministischen Slogans, während sie Arbeiter:innen ausbeuten. „Girlboss“-Feminismus feiert Frauen in Führungspositionen, während BiPoC Frauen und TINA-Personen weiterhin die schlecht bezahlten und prekärsten Jobs machen.
Repräsentation wird gefeiert, als würde es einen Unterschied machen, welches Geschlecht der:die Chef:in hat. Statt die Ursachen von Gewalt und Herrschaft zu bekämpfen, fordern liberale Feminist:innen härtere Strafen und mehr Polizei – sie appellieren an den angeblich versagenden Staat und wünschen sich lediglich Reformen in seinen rassistischen, patriarchalen Institutionen und Strukturen.
Der feministische Kampf darf keine Frage von Symbolpolitik sein, sondern muss reale materielle Veränderungen fordern. Das heißt u. a.: Vergesellschaftung von Wohnraum, Kollektivierung von Care-Arbeit, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, selbstorganisierte Schutzstrukturen statt Polizei, solidarische Netzwerke statt Vereinzelung, direkte Demokratie in Betrieben und Nachbarschaften statt Stellvertreterpolitik. Die Feministische Revolution ist ein langfristiger Aufbau von Macht von unten, in Form von feministischen Streiks, die Produktion und Reproduktion systematisch lahmlegen.
Wir müssen Mietkämpfe und Hausbesetzungen organisieren, um den Wohnraum der Verwertung wirklich zu entziehen. Selbstorganisierung in Pflege, Erziehung oder Einzelhandel ist notwendig, weil patriarchale Ausbeutung dort besonders sichtbar wird. Wir brauchen autonome Schutzräume und kollektive Aufarbeitung von patriarchaler Gewalt. Organisierte politische Bildung, die Gewalt systematisch analysiert und benennt, ist essenziell. Wir brauchen eine Praxis, die feministische Solidarität wirklich lebt.
In den aktuellen Kriegszeiten tritt patriarchale Gewalt nicht als Nebenfolge, sondern als integraler Bestandteil der Kriegslogik hervor. Rund 676 Millionen Frauen und Mädchen leben derzeit in militärischen Kampfzonen, ein historischer Höchststand. Systematische, geschlechtsspezifische Gewalt ist dabei kein Zufall, sondern Strategie: Sexualisierte Gewalt wird gezielt eingesetzt, um Gemeinschaften zu demütigen, zu zerstören und zu kontrollieren. Die Gewalt gegen Trans Personen, non-binarys oder A-Gender ist dagegen weit weniger dokumentiert, doch ihre Brutalität ist ebenso anzunehmen.
(TW: Erwähnung sexueller Gewalt)
Im Sudan berichten Genoss:innen von massenhaften Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen und sexueller Sklaverei durch Milizen als Teil ethnisch-politischer Gewalt, während Schutz- und Versorgungsstrukturen kollabieren.
Auch in der Ukraine, in Palästina, in Rojava oder im Iran sind geschlechtsspezifische Gewaltformen dokumentiert. Die Logik ist ähnlich: bewaffnete Gruppen instrumentalisieren nationalistische Männlichkeitsbilder, um Gemeinschaften zu brechen, „feindliche“ Körper symbolisch zu entwürdigen und patriarchale Vorherrschaft besonders dort durchzusetzen, wo staatliche Ordnung brüchig wird.
Krieg ist damit Ausdruck imperialistischer Machtkämpfe, in denen cis-Männer als Kämpfer und Beschützer privilegiert werden, während Frauen und TINA-Personen systematisch verwundbar gemacht werden. Patriarchat und Militarismus bedingen sich gegenseitig: Wo gesellschaftliche Ordnung zerfällt, wird männliche Dominanz oft mit extremer Brutalität durchgesetzt, um Kontrolle über Territorien, Ressourcen und Körper zurückzugewinnen.
Diese Gewalt ist zugleich rassistisch und kolonial strukturiert. Welche Leben als schützenswert gelten, folgt globalen Machtverhältnissen: Gewalt in kolonial geprägten Regionen wird normalisiert oder entmenschlicht, während sie in Europa skandalisiert wird. Imperialismus wirkt fort in Militarisierung, Feindbildproduktion und der Entwertung bestimmter Körper. Der feministischer Kampf muss daher Patriarchat, Militarismus, Rassismus und Kolonialismus zusammendenken.
Als Anarchist:innen werden wir folglich nicht nur Symptome verurteilen oder abstrakten Frieden fordern. Wir wollen die Kriegslogik selbst angreifen und patriarchale Gewalt als strukturelles, systemerhaltendes Moment begreifen und Bedingungen schaffen, unter denen Krieg, Patriarchat und Kapitalismus nicht reproduziert werden können!
Am 8. März trauern wir um all die Ermordeten im feministischen Kampf. Wir glauben den Überlebenden und benennen die Täter sowie die Strukturen, die sie schützen. Wir kämpfen für alle, deren Leben permanent bedroht ist: für queere Personen, die angegriffen werden, für BiPoC Frauen und TINA-Personen ohne Papiere, für alle, deren Körper zum Austragungsort patriarchaler Gewalt gemacht werden. Dieser Tag ist kein Marketingevent und kein Appell an die Mächtigen. Er ist ein Kampftag. Befreiung wird uns nicht gewährt, wir müssen sie kollektiv erkämpfen. Es gibt keine Gleichberechtigung innerhalb der Ausbeutung.
Für eine Welt ohne Herrschaft, Kapitalismus und patriarchale Ideologie. Für ein Leben in Würde. Für die anarchafeministische Revolution!