Tod eines Faschisten in Lyon: Antifaschismus ist dringender denn je

Im Folgenden teilen wir die Übersetzung des Statements unserer französischen Schwesterorganisation UCL zur aktuellen Situation in Frankreich.

Statement vom 17. Februar 2026 der Union Communiste libertaire

Nach dem Tod eines faschistischen Militanten in Lyon versuchen die extreme Rechte und ihre Verbündeten, dieses Ereignis auszunutzen, um den Antifaschismus zu kriminalisieren. Gleichzeitig verurteilt die institutionelle Linke lediglich „jegliche Gewalt” in allgemeiner Form. Mehr denn je müssen wir zusammenstehen, um die Dringlichkeit des antifaschistischen Volkskampfes und die Notwendigkeit zu bekräftigen, dass unsere Klasse sich gegen die Gewalt der extremen Rechten verteidigen kann.

Am Abend des 12. Februar wurde Quentin Deranque, ein faschistischer Aktivist, in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Er war Mitglied der neofaschistischen Gruppe Les Allobroges Bourgoin und des Sicherheitsdienstes von Némésis* und war auch bei Action Française* aktiv. Sein Tod wurde 48 Stunden später bestätigt, wenige Stunden bevor die Presse Zeugenaussagen von Ladenbesitzer*innen und Anwohner*innen veröffentlichte. Diese Aussagen stimmen mit einem Video überein, das aus einem Fenster gefilmt wurde und eine Schlägerei nach einer heftigen Auseinandersetzung zeigt. Seriöse journalistische Untersuchungen, die nicht einfach die Darstellung der extremen Rechten wiederholen, dauern noch an, und viele Fragen sind noch offen. Auf jeden Fall kann dieser Tod politisch nicht außerhalb des Kontextes betrachtet werden, der zu diesem Ereignis geführt hat.

Seit Jahren mobilisieren zahlreiche Vereine, Gewerkschaften, politische Parteien, Anwohner*innen und Ladenbesitzer*innen in Lyon gegen die zunehmende Gewalt der extremen Rechten. Tatsächlich ist die Polizei bei Veranstaltungen wie der am Donnerstag regelmäßig nicht anwesend, während rechtsextreme Konferenzen immer durch besonders strenge Sicherheitsvorkehrungen geschützt werden. Während Nemesis-Aktivist*innen durch die Organisation von Medien-„Happenings” für Aufsehen sorgen, bereiten sich neofaschistische Aktivist*innen in Lyon darauf vor, für ihre Sache zu töten und zu sterben. Ihre Anführer*innen bilden radikalisierte und disziplinierte Kämpfer*innen aus und schicken sie an die Front, um sich den Sicherheitsteams zu stellen, die alle sozialen Bewegungen in Lyon zu ihrem Schutz aufstellen müssen.

Es liegt auf der Hand, dass sich in diesem Zusammenhang im Laufe der Jahre in Lyon antifaschistische Gruppen gebildet haben, um sich an der kollektiven und populären Selbstverteidigung zu beteiligen. Das Schicksal des jungen faschistischen Aktivisten ist für die extreme Rechte eine Gelegenheit, die Figur eines Märtyrers aufzubauen und ihre Gewalt zu verstärken.
In den Tagen nach Donnerstagabend wurden zahlreiche Räumlichkeiten verschiedener Gewerkschaften und linker politischer Organisationen in ganz Frankreich verwüstet, darunter die von LFI, Solidaires Rhône und La Plume Noire, einer kollektiv geführten Buchhandlung der UCL in Lyon, die bereits mehrfach angegriffen worden war. Auf dem Place de la République in Paris wurden Hakenkreuze gesprüht, und in ganz Frankreich wurden keltische Kreuze gesprüht. Drohungen und Aufrufe zu körperlicher Gewalt gegen Aktivist*innen haben sich vervielfacht, von denen einige öffentlich identifiziert und den Wölfen zum Fraß vorgeworfen wurden. Was die rechtsextreme Szene nun hofft, ist, ihre Übergriffe mit neuer Intensität durchführen zu können, während sie sich auf die falsche Erzählung vom „linksextremen Terrorismus” stützt, um politische Unterstützung zu gewinnen.

Linke Parteien und Politiker*innen, die „alle Formen physischer Gewalt“ verurteilten, sind in die Falle der extremen Rechten getappt. Diese selig-pazifistische Rhetorik setzt die faschistische Gewalt, die seit mehr als fünfzehn Jahren in Lyon herrscht und sich gegen alles richtet, was den white Supremacists missfällt, mit einem Ereignis gleich, das eine verabscheuungswürdige politische Kampagne zur Kriminalisierung des Antifaschismus befeuert. Jean Messiha fordert die „Ausrottung des antifaschistischen Abschaums“, die extreme Rechte fordert mehr Clément Mérics*, und Politiker*innen der Rechten und extremen Rechten fordern, antifaschistische Gruppen als Terrorist*innen einzustufen. Und was macht die parlamentarische Linke? Sie sendet ihre Gedanken an die „Freund*innen“ des Opfers und kriminalisiert den Antifaschismus.
Einige gehen sogar so weit, das Wort „Faschist” jeglicher politischen Substanz zu entleeren, indem sie es zu einem einfachen Synonym für „Gewalt” machen, das dann jedem zugeschrieben werden kann, auch Antifaschisten.
Die UCL wird sich nicht auf diese bequeme und belanglose Demagogie einlassen. Wir bekräftigen nachdrücklich eine hartnäckige Realität: Es ist in erster Linie die extreme Rechte, die tötet und dieses Klima der Gewalt schafft, in Lyon, in Frankreich und auf der ganzen Welt.
Wir verurteilen nachdrücklich die Umkehrung der Situation, die die extreme Rechte durch die Verwendung des Begriffs „Lynchen” zu erreichen versucht, ein Begriff, der sich auf rassistische Massenangriffe auf Schwarze in den Vereinigten Staaten bezieht. Seine Verwendung zur Beschreibung der Schläge, die ein white Supremacist erhalten hat, ist eine tödliche und rassistische Umkehrung.

Ja, die extreme Rechte tötet: die Ertrunkenen in der Deule, Brahim Bouraam, Clément Méric, Federico Aramburu, Mahamadou Cissé, Djamel Bendjaballah, Rochdi Lakhsassi, Hichem Miraoui, auf den 2025 in Puget-sur-Argens fünfmal geschossen wurde… Hätten die Opfer rechtsextreme Aktivist*innen sein müssen, um eine nationale Ehrung zu erhalten? Wo sind die Beileidsbekundungen für die Opfer und die nationalen Ehrungen, wenn Frédéric Grochain, ein migrantischer politischer Gefangener, am 6. Februar Tausende von Kilometern von seinem Land entfernt in seiner Zelle stirbt? Wo sind die Tränen der Parteien und Medien, die Quentin Deranque nach dem rassistischen Mord an Ismaël Aali Anfang 2026 in derselben Stadt betrauert haben?

Die UCL befürwortet einen sozialen und populären Antifaschismus, der auf dem Aufbau von sozialen Massenbewegungen basiert, deren Stärke in ihrer Anzahl und nicht in Gewalt liegt. Wenn wir jedoch Konfrontationen aus Prinzip ablehnen, verurteilen wir uns selbst dazu, keine Kampagnen in der Öffentlichkeit führen zu können. Wenn wir darauf verzichten, unsere Demonstrationen, unsere öffentlichen Versammlungen und unsere Flugblattaktionen zu schützen, dann verzichten wir auf politische Intervention, denn die extreme Rechte wird nicht darauf verzichten, uns anzugreifen, und in diesem Sinne kann sie nicht als eine politische Ideologie wie jede andere betrachtet werden.

Indem sie „Antifas“ verurteilen, heulen diese Elemente der parlamentarischen Linken mit den Wölfen. Sie bringen sich damit in eine Lage, in der sie antifaschistische Bewegungen, die von staatlicher Repression bedroht sind, nicht mehr verteidigen können.

Doch mehr denn je müssen wir zusammenstehen und unsere Position verteidigen.
Wenn wir mit Faschist*innen konfrontiert sind, dürfen wir keinen einzigen Schritt zurückweichen.

Union Communiste Libertaire, 17. Februar 2026.

*Nemesis: eine rechtsextreme feministische nationalistische Gruppe
*Action Française: eine gewalttätige royalistische rechtsextreme Gruppe
*Clément Meric war ein Antifaschist, der von Faschisten zu Tode geprügelt wurde.

Death of a fascist in Lyon: more than ever, the urgency of antifascism

Communique of February 17, 2026 by Union Communiste libertaire

Following the death of a fascist militant in Lyon, the far right and its allies are seeking to exploit this event to criminalize anti-fascism. At the same time, the institutional left is simply condemning „all violence“ in general terms. More than ever, we must stand together to affirm the urgency of popular anti-fascism and the necessity for our class to be able to defend itself against the violence of the far right.

On the evening of Thursday, February 12, Quentin Deranque, a fascist militant, was hospitalized in serious condition. He was a member of the neo-fascist group Les Allobroges Bourgoin and the security service of Némésis*, and had also been involved with Action Française*. His death was confirmed 48 hours later, a few hours before the press revealed testimonies from shopkeepers and residents. Those testimonies are coherent with a video filmed from a window showing a beating following a pitched fight. Serious journalistic investigations, which do not simply repeat the narrative of the far right, are still ongoing and many questions remain to be answered. In any case, this death cannot be examined politically outside the context that led to the event.

For years, numerous associations, trade unions, political parties, residents, and shopkeepers in Lyon have been mobilizing against the increase in violence committed by the far right. In fact, the police are regularly absent at events such as Thursday’s, while far-right conferences are always protected by particularly heavy security. While Nemesis activists are creating a buzz by organizing media „happenings,“ neo-fascist activists in Lyon are preparing to kill and die for their cause.Their leaders train radicalized and disciplined fighters, sending them to the front lines to confront the security teams that all social movements in Lyon are forced to set up to protect themselves.

It is obvious that, in this context, anti-fascist groups have been formed over the years in Lyon to participate in collective and popular self-defense. The fate of the young fascist activist is an opportunity for the far right to build up the figure of a martyr and intensify its violence.
In the days following Thursday evening, numerous premises belonging to various trade unions and left-wing political organizations across France were ransacked, including those of LFI, Solidaires Rhône, and La Plume Noire, a collectively-run bookshop run by the UCL in Lyon, which had already been attacked numerous times. Swastikas were spray-painted on Place de la République in Paris, and Celtic crosses were spray-painted throughout France. Threats and calls for physical violence have multiplied against activists, some of whom have been publicly identified and thrown to the wolves. What the far-right sphere now hopes is to be able to carry out their abuses with renewed intensity while relying on the false narrative of „far-left terrorism“ in order to gain political support.

Left-wing political parties and figures who denounced „all forms of physical violence“ fell into the trap set by the far right. This blissfully pacifist rhetoric equates fascist violence, which has been ongoing for more than fifteen years in Lyon, targeting anything that displeases white supremacists, with an event that fuels a detestable political campaign to criminalize anti-fascism. Jean Messiha calls for the „eradication of anti-fascist scum,“ the far-right calls for more Clément Mérics*, and right-wing and far-right politicians call for anti-fascist groups to be classified as terrorists. And what does the left do? It sends its thoughts to the victim’s „friends“ and criminalizes anti-fascism.
Some even go so far as to strip the word „fascist“ of all political substance by turning it into a simple synonym for „violence,“ which could then be attributed to anyone, including anti-fascists.
The UCL will not fall into this comfortable but inconsequential demagoguery. We strongly reiterate a stubborn reality: it is primarily the far right that kills and creates this climate of violence, in Lyon, in France, and throughout the world.
We strongly condemn the reversal of the situation that the far right is managing to impose by talking about a „lynching,“ a term referring to mass racist attacks targeting black people in the United States. Using it to describe the blows received by a white supremacist is a deadly and racist reversal.

Yes, the far right kills: the drownings in the Deule, Brahim Bouraam, Clément Méric, Federico Aramburu, Mahamadou Cissé, Djamel Bendjaballah, Rochdi Lakhsassi, Hichem Miraoui shot five times in Puget-sur-Argens in 2025… Should the victims have been far-right activists to receive a national tribute? Where are the condolences for the victims and the national tributes when Frédéric Grochain, a Kanak political prisoner, dies in his cell thousands of miles from his country on February 6? Where are the tears of the parties and the media that mourned Quentin Deranque after the racist murder of Ismaël Aali in early 2026 in the same city?

The UCL advocates a social and popular anti-fascism based on the construction of mass social movements, whose strength lies in numbers, not violence. However, renouncing confrontation as a matter of principle means condemning ourselves to the impossibility of campaigning in the public sphere. If we renounce protecting our demonstrations, our public meetings, our leafleting, then we renounce political intervention, because the far right will not renounce attacking us, and it is in this sense that it cannot be considered a political ideology like any other.

By condemning „antifas,“ these elements of the parliamentary left are howling with the wolves. They are putting themselves in a position where they will no longer be able to defend anti-fascist movements threatened by state repression.
Yet, more than ever, we need to stand together and hold the line.
When faced with fascists, we must not take a single step back.

Union Communiste Libertaire, February 17, 2026.

*Nemesis: a far-right femo-nationalist group
*Action Française: a violent royalist far-right group
*Clément Meric was an anti-fascist beaten to death by the fascists