Aufkleber-Motiv Zitate #1: Malatesta – Unser Verhältnis zu Reformen

In Kürze wird unser erstes Aufkleber-Motiv der Zitate-Reihe auch gedruckt vorliegen. Wir verschicken bei Interesse gegen Spende oder umsonst auch gerne welche!

Was ist unser Verhältnis zu Reformen?

Es gibt sinnvolle Gründe, dass wir uns in progressive, gesellschaftliche Bewegungen und soziale Basisinitiativen einbringen. Sozialen Bewegungen, die lediglich Reformen erkämpfen wollen, stehen wir grundsätzlich erst einmal nicht ablehnend gegenüber, sondern entscheiden in der gegebenen Situation ob und wie wir uns beteiligen wollen. Dabei wollen wir diese Bewegungen nicht zum Anarchismus „bekehren“. Vielmehr können wir gemeinsam mit vielen anderen Menschen Erfahrungen kollektiv geteilter Kämpfe sammeln und konkrete Verbesserungen unserer Lebensbedingungen erkämpfen. In diesen Bewegungen bereits vorhandene anarchistische Momente wie basisdemokratische Organisationsstrukturen, gelebte Solidarität, kollektive Selbstverantwortung oder herrschaftskritische Ansätze können wir fördern und gegen die Einflussnahme von Parteien und anderen autoritären Gruppierungen verteidigen.

Somit können nicht hierarchische, partizipative und herrschaftskritische Ansätze – wichtige anarchistische Prinzipien – in der Bevölkerung verankert werden. Andererseits können soziale Basisbewegungen unsere Theorie und Praxis bereichern, indem wir von unseren Erfahrungen mit den Basisbewegungen lernen, kollektiv auswerten und in den Erfahrungsschatz unserer Organisation einfließen lassen. Wenn es um die Erkämpfung von Reformen durch gesellschaftliche Bewegungen geht, möchten wir klarstellen, dass dies nicht in Reformismus münden darf. Denn wir halten daran fest den Kapitalismus und alle Formen von Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung zu beseitigen. Reformismus meint, dass das derzeitige System so bleiben kann, wie es aktuell besteht und lediglich etwas verbessert werden muss. Für Reformist*innen sind Reformen das einzige Ziel. Wir hingegen sehen die Erkämpfung von Reformen als Schule um die Stärke zu gewinnen, die wir benötigen, um den Kapitalismus abzuschaffen – oder wie es Malatesta ausgedrückt hat:

„Wir werden uns die möglichen Reformen nehmen oder erringen mit genau dem Geist, mit dem man dem Feind besetztes Gebiet entreißt, um stets vorwärts zu schreiten.“

Wer war Errico Malatesta und wie war sein Verhältnis zum Plattformismus?

Malatesta (* 14. Dezember 1853 in Capua/Provinz Caserta; † 22. Juli 1932 in Rom) war ein italienischer Anarchist der dem kommunistischen Anarchismus nahe Stand. Als Sohn einer Mittelklassefamilie geboren, überlässt er an ihn verebte Häuser an die Einwohner seiner Heimatstadt und lebt als einfacher Arbeiter. Er nimmt als führende Figur an den Aufständen 1874 und 1877 in Italien teil, wird häufig eingesperrt und lebt große Teile seines Lebens im Exil. 1932 stirbt Malatesta, durch die faschistische Regierung unter Hausarrest gesetzt, in Rom. Sein Leben lang war er, bis auf eine anfängliche kurze republikanische Aktivistenzeit, ein aktiver Anarchist, konsequent bis zum Ende auch unter den widrigsten Umständen. Wer sich mit seinen spannenden Schriften weiter beschäftigen möchte:

  • Gesammelte Schriften. Theorie und Praxis des Anarchismus, Anarchismus und Kommunismus, über die Moral der Revolutionäre, Fabrikbesetzungen und bewaffnete Aufstände, Tageskämpfe. (2 Bände). Herausgegeben und übersetzt von Elke Wehr. Verlag Bernd Kramer, Berlin
    Band 1: 1977. ISBN 3-87956-064-1.
    Band 2: 1980. ISBN 3-87956-102-8.
  • Unter Landarbeitern. Ein Zwiegespräch.
  • Ungeschriebene Autobiografie. Erinnerungen (1853–1932). Herausgegeben von Piero Brunello und Pietro Di Paola. Edition Nautilus, Hamburg 2009, ISBN 978-3-89401-594-7.
  • Anarchistische Interventionen. Ausgewählte Schriften (1892–1931). Herausgegeben von Philippe Kellermann. Unrast, Münster 2014, ISBN 978-3-89771-921-7

Doch moment mal! War Malatesta nicht Kritiker des Plattformismus? Ja! Das ist erstmal soweit richtig. Malatesta hegte zwar Sympathien für das generelle Projekt der Plattform (wie sie 1926 entwickelt wurde) und stimmte mit der Absicht überein, dass eine “große, ernsthafte und aktive Organisation” “vor allen Dingen notwendig” sei, um “die Richtung der Volksmassen zu beeiflussen”. Seine Kritik war vorsichtig – er vermied die wüsten Anschuldigungen eines Volin -, sie enthielt aber den Hinweis, dass die “Tendenz” des Dokuments ein Stück weit “autoritär” sei.

Im Verlauf gab es eine rege Diskussion zwischen Malatesta und Machno sowie Arschinow an dessen Ende Malatesta einräumte das: “dies möglicherweise nur eine Frage der Worte ist”. “Wenn ich lese, was die Genossen…sagen…, befinde ich mich mehr oder weniger in Übereinstimmung mit der Weise, wie sie die anarchistische Organisation begreifen, … und ich bekräftige meine Überzeugung, dass sich hinter den sprachlichen Differenzen in Wirklichkeit identische Positionen verbergen.” (Siehe Schwarze Flamme Seite 329-330)

Wir hoffen unter diesen Bedingungen Malatesta nicht unrecht zu tun, sein Zitat entsprechend zu verwenden. Diese und weitere inhaltliche Auseinandersetzungen zum Plattformismus werden wir in der Zukunft weiter verfolgen und vertiefen.

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